Martina Lauterjung

Martina Lauterjung

Martina Lauterjung Skizzier-Coach
Inhaberin


Form follows Function Louis Sullivan, Architekt

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, suchte die Nasa händeringend nach der Lösung für ein Problem: Womit lässt sich in der Schwerelosigkeit des Weltraums ohne schäbige Klecksereien schreiben? Ein Heer von Wissenschaftlern nahm sich der Sache an. Die Russen gingen die Sache pragmatischer an, nahmen einfach einen Bleistift mit und lachten über die komplizierten Amerikaner. In dieser Zeit, kam dann John Henry Patterson daher und erfand mal eben das Flipchart. Inzwischen in die Jahre gekommen, hat es trotzdem noch seine Liebhaber bzw. Liebhaberinnen. So z. B. Martina Lauterjung. Sie ist Skizzier-Coach, eine an sich schon mal ungewöhnliche Berufsbezeichnung. Am liebsten zeigt sie anderen Menschen wie man Geschichten erzählt – am Flipchart, mit dem Stift in der Hand ...

Frau Lauterjung, zum Skizzier-Coach wird man nicht unbedingt von heute auf morgen. Wie war das bei Ihnen?

Martina Lauterjung:

Als Industrie Designerin wurde ich gebeten, eine Firma in einem Changeprozess dabei zu begleiten, die Produktpalette zu straffen. Technische Skizzen führten hier zu konstruktiven Gesprächen und ermöglichten schnelle Entscheidungen, da allen Objekte und Strukturen handhabbar wurden.

Darauf hin entwickelte ich mein Trainingskonzept für Visualisierungskompetenz, denn ich fing regelrecht Feuer für das Thema. Die angeregten Gespräche, die schnellen Reaktionen auf Handgemachtes und die Variabilität, die das Handskizzieren möglich machen, überzeugen mich immer wieder.

Eine Coachingausbildung rundete mein Konzept, Anderen das Skizzieren zu ermöglichen ab. Denn ich bin kein Lehrer, der vor einer Gruppe Menschen doziert, sondern meine Anspruch besteht darin, Jede, Jeden am Stand seiner, ihrer Fähigkeiten ab zu holen und das vorhandene Potenzial heraus zu locken.

Zeichnen, malen, skizzieren. Gibt es da überhaupt Unterschiede?

Martina Lauterjung:

Im umgangssprachlichen Gebrauch werden die Begriffe häufig verwechselt oder ausgetauscht, unterscheiden sich jedoch durch Material und Ausarbeitungsqualität.

Zeichnen, bedeutet mit einem oder mehreren Stiften zu arbeiten um eine Abbildung zu schaffen. Ihre Qualität hängt von den künstlerischen Fähigkeiten des Zeichenenden ab.

Malen beschreibt den Umgang mit Pinsel und Farben und gehört eindeutig in den Bereich der Kunst oder des Bauhandwerks.

Skizzieren bedeutet, mit wenigen Strichen ein Bild zu kreiren, das sich auf die wesentlichen Details beschränkt. Eine Skizze ist immer roh und Perfektion ist nicht nötig um dem Betrachter den Inhalt und die Bedeutung zu vermitteln. Deshalb wird der Begriff Skizze auch für sprachlich vermittelte Informationen verwendet. Konzepte werden genauso skizziert, wie Ideen und Szenarien.

In visualisierter Form auf einem Flipchart oder auf einfachem Papier liegt die Information handhabbar vor. Sie kann ein Gespräch dokumentieren oder eine Diskussion möglich machen.

Auch wer in puncto seiner Zeichenkünste völlig talentfrei ist, kann mit einem Stift erfolgreich skizzieren (lernen)?

Martina Lauterjung:

Ja! Denn es ist die Unperfektion, die das Skizzieren zu einem so erfolgreichen Mittel der Kommunikation macht.

Wenn wir eine perfekte Darstellung sehen, werden wir selten so unhöflich sein und sagen: „So stimmt das überhaupt nicht“ oder gar: „Das habe ich nicht verstanden.“ Um Ihnen eine Bild zu geben, was ich meine, hier ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, eine Firma möchte die Atmosphäre und den Teamgeist stärken. Sie beauftragt eine Werbeagentur ein Bild der Teamarbeit zu erstellen. Eine prächtige Grafik mit lächelnden Menschen in Anzug und Kostümen, keiner über 40 jahre alt, wird den Mitarbeitern präsentiert.

Glauben Sie, dass es viele Unternehmen gibt, in denen sich die Mitarbeiter hier wiedererkennen und ihr Verhalten in Frage stellen oder gar verändern? Öffentliche Kritik wird es wenig geben, aber Wertschätzung für die Investition ebenso wenig.

Erfolgversprechender sind gemeinsam entwickelte Skizzen. Symbolisch dargestellte Menschen, die gemeinsam etwas aufbauen, Skizzen, die zeigen wie eine Person, die etwas abseits steht eingeladen wird sich zu beteiligen. Skizzierte Szenen, in denen an einem Strang gezogen wird. Einfachste Zeichnungen, deren Themen von den Mitarbeitern selbst herausgearbeitet werden und die wirklich einfach und schnell skizziert werden. An solchen Skizzen können sich offene und konstruktive Gespräche entwickeln.

Was ist unter einer visuellen Sprache zu verstehen und wie nutzt man diese?

Martina Lauterjung:

Jeder Trainer, Berater oder Coach, der ein besonderes Gespür für seine Klienten und Kunden hat, wird die Sprache seines Gegenübers aufgreifen und sich in bestimmte Fachbegriffe und dort verwendete Symbole und Metaphern hineinarbeiten.

Ein Bespiel erläutert schnell den Sinn und den Wert: Ein Vortrag über Resilienz wird beauftragt.

Eröffnen Sie diesen Vortrag mit dem Bild von Bambus, dann werden sich die vor Ihnen sitzenden Physiker staunende und unverständige Blicke zu werfen. Verwenden Sie das gleiche Bild bei Psychologen, Therapeuten und Coaches ist diese Symbol ein bekanntes und anerkanntes Symbol für Resilienz. Nutzen Sie Symbole, die der Zielgruppen bekannt sind. Das ist oberstes Gebot. Manchmal mag ein Symbol auch trivial erscheinen, doch es geht darum schnelles und einfaches Verständnis zu erreichen.

Strichmännchen, Sprechblasen und etwas Farbe bewirken was beim Publikum?

Martina Lauterjung:

Wir Menschen freuen uns, wenn wir etwas geschenkt bekommen, wenn wir freundlich empfangen und zu einem Gespräch auf Augenhöhe eingeladen werden.

Skizzierte Strichmännchen machen all dies möglich. Zeigt eine skizzierte Figur auf einen bestimmten Punkt, können unsere Augen gar nicht anders, wir müssen dort hinschauen. Wird ein „abgedroschenes“ oder als langweilig empfundenes Thema, wie z.B. Gesprächsregeln in Teamsitzungen, neu aufbereitet präsentiert, dann schauen plötzlich wieder alle hin und bemerken vielleicht, dass noch etwas fehlt, o.ä. Ersetzen Sie einmal eine solche Liste durch eine Sammlung von Symbolen, z. B. die Skizze eines durchgestrichenen Telefons, der Darstellung von Menschen, die die regel einhalten, dass einer nach dem anderen spricht, etc. . Der zeichnerische Anspruch ist nicht hoch. Sie alle können das lernen. Ihre Teilnehmer werden Spass haben!

Sie veranstalten u. a. Emographie-Workshops. Wie ist so ein Workshop struktuiert? Was sind die Inhalte?

Martina Lauterjung:

Im Emographie-Workshop sind die Anforderungen ganz andere als in meinen Flipchart-Workshops. Am Flipchart arbeiten wir, wenn wir auch aus der Entfernung lesen und erkennen möchten, was geschrieben und skizziert wurde. Wahrscheinlich wird sogar ein Protokoll der Ergebnisse oder der Präsentation erstellt werden.

Emographie ist etwas völlig anderes: Emotion und Graphik finden in diesem Kunstwort zusammen. Wir skizzieren hier in einem Mitarbeiter- oder Coachinggespräch. Der Gesprächskreis ist klein, deshalb benötigen wir nur einfaches Papier aus dem Drucker oder vom Block.

Der Anspruch an die Qualität der Skizzen ist noch geringer als am Flipchart. Es geht darum Verständnisfragen zu stellen und zu ermöglichen, Emotionen und Situation ab zu bilden, Lösungsbilder auf zu zeigen und gemeinsam zu entwickeln. Ziel der Skizzen ist es echte Klarheit zu erlangen darüber, ob Sie Ihren Gesprächspartner wirklich verstanden haben und seine Position nachvollziehen können. Ziel des Skizzierens ist es, die Skizze von Ihrem Gesprächspartner vervollständigen und verändern zu lassen. Wie schon meinem Beispiel oben, wäre Perfektion hier hinderlich. Wenn Sie z. B. die Differenzen übertrieben groß darstellen, dann wird Ihnen Ihr Gegenüber einfach den Stift aus der Hand nehmen können um die Skizze zu korrigieren. Da vorher schon festgelegt wurde, dass die Skizzenblätter nur dem Kunden, Klienten, Mitarbeiter gehören, wird ein schneller Dialog entwickeln können.

Natürlich sind nicht alle Menschen für diese Methode empfänglich. Inzwischen wurde festgestellt, dass über 70 % unseres Energieverbrauchs im Gehirn für die Verarbeitung visueller Reize verwendet werden und das erklärt, warum diese Methode so erfolgreich ist.

Besonders die Generationen X und Y sind durch das Internet sehr stark und offen im Umgang mit Bildern.

Im Workshop lernen Sie schnell und einfach Menschen in verschiedenen Körperhaltungen und Emotionen zu skizzieren. Einfache Symbole und Objekte werden geübt, die oft vorkommen. Wichtig ist das Entdecken von Metaphern in der Sprache des Gegenübers, denn diese Bildersprache kann vom Problembild zum Lösungsbild verarbeitet werden. Hierzu habe ich Fragebögen entwickelt um es den Workshopteilnehmern zu ermöglichen einen Fundus an bildsprachlichen Elementen auf zu bauen.

Im Workshop werden viele Gespräche simuliert und die praktische Anwendung trainiert.

Ein „Knackpunkt“ ist sicherlich die erste Skizzier-Präsentation vor einem Kunden/Publikum? Wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?Wie wird schon das „erste Mal“ zum Erfolg?

Martina Lauterjung:

Fangen Sie einfach mit Kleinigkeiten an. Pausen Sie schnell und simpel mit der Hand die Symbole durch, die Sie in Ihrer Beamer gestützten Präsentation verwenden. Im Umfeld der glatten Schrift und exakten Elemente werden die etwas krummen Linien auffallen und Ihre Zuschauer warten schon auf der nächsten optischen „Unterbrecher“.

Oder: Bereiten Sie ein Flipchartblatt vor, dass die 3 Hauptpunkte Ihrer Ausführungen

zusammenfasst. Das ist dann echtes multimediales präsentieren und Sie schaffen einen eleganten Übergang in die Diskussion. Denn dieses Bild bleibt, während der Beamer schon ausgeschaltet wurde.

Was halten Sie davon, mit bereits komplett oder teilweise vorgefertigten Skizzen zur präsentieren?

Martina Lauterjung:

Warum nicht? Präsentation ist etwas anders als die Erarbeitung von Ergebnissen.

Eine gute Struktur des Vortrags, die klare Gliederung der Blätter, genügend Platz im Raum und natürlich eine leeres Flipchart um Details im Dialog mit dem Publikum zu erläutern, bilden die Grundlage jeder Präsentation. Die vorgefertigten Blätter ersetzen Ihre Moderationskarten an denen Sie sich als Redner vielleicht sonst „entlang hangeln“.

Mit der Anfertigung der Blätter üben Sie Ihren Vortrag automatisch. Sie gehen jede Szene im Kopf durch und entwickeln ein Gespür für Timing und Performance. Storytelling und das richtige Keypicture, dass das Thema attraktiv aufbereitet, machen jede Präsentation attraktiv.

Welche Berufsgruppen können besonders von „selbstgemachte“ Skizzen und Bildern in Ihrer Präsentationen profitieren?

Martina Lauterjung:

Alle, die etwas vermitteln möchten oder die aktiv nachfragen möchten.

  • In Unternehmen geht es um Wissensvermittlung, um Erarbeitung von Ergebnissen im Team und nicht zu letzt darum als Mitarbeiterin und Mitarbeiter sichtbar zu sein. Der Wiedererkennungswert Ihrer handgemachten Präsentationen ist nicht zu unterschätzen.
  • Genau hier werden handgemachte Elemente, Skizzen und Präsentation natürlich für alle freiberuflich Tätigen interessant. Ein Vertreten, ein Referent, der seinen Kunden eine gelungene, informative Skizze hinterlässt, dessen Notizen werden nicht so schnell beiseite gelegt.
  • An den souveränen Trainer mit seinen unperfekten Skizzen, die soviel Aussagen konnten, erinnert man sich gern.
  • Die Skizzen, die in einem Coaching entstanden, werden zu einem Tagebuch einer persönlichen Entwicklungsgeschichte.

Wie erzählt man am Flipchart eine spannende und informative Geschichte? Eine Story, die auch „verkauft“. Ein Beispiel bitte.

Martina Lauterjung:

  1. Der Inhalt ist Basis jeder Visualisierung. Eine faktische und erzählerische Vorbereitung ist oberstes Gebot.
  2. Ein Geschichte für das Thema wird gefunden. „Gefunden“ ist hier das richtige Wort, da die Geschichte einfach sein sollte und für jeden nachvollziehbar.
  3. Die Geschichte kann in Kapitel unterteilt werden.
  4. Ein Keypicture für die Szene in der die Geschichte spielt, dient als Hintergrundbild für den Inhalt der Geschichte.

 

Als Bespiel erläutere ich Ihnen mein Flipchart, das erläutert, warum, wie und wozu Coaching gut ist:

Warum braucht jemand Coaching? Der Mensch hat das Gefühl den Halt zu verlieren, den Boden unter den Füßen, das Wasser steht ihm bis zu Hals. Selbsthilfe ist nicht mehr möglich.

Wie hilft Coaching? Die Suche nach Ressourcen wird aufgenommen. Der versunkenen Schatz an positiven Erfahrungen und Fähigkeiten wird wiederentdeckt. Stärken werden sichtbar und entfalten sich.

Wozu führt das? Der Boden wird stabil, der Mensch wird standfest und aus den Ressourcen kann Neues erwachsen.

Zum Bildaufbau: Es ist ein Prozess, der so aufstrebend ist, wie Luftblasen unter Wasser. Deshalb beginnt die Bildergeschichte unten, die Bilder befinden sich in runden „Blasen“ und der Hintergrund ist so blau wie Wasser.

Mit diesem Plakat gewann ich den 1. Preis des Wettbewerbs „Schönstes Flipchart des Jahres 2012“ vom Deutschen Trainer Treffen e.V.

Bildwelten, Symbole, Emotionen ... Verbales und visuelles Storytelling ergeben zusammen die perfekte Präsentation wenn ...?

Martina Lauterjung:

… es authentisch ist.

Martina Lauterjung: Diplom Industrial Designerin, lange mit eigenem Büro und angegliederter Modellwerkstatt. Prac NLP. Autorin von Artikeln rund um das Thema Visualisierungskompetenz im Trainer Journal und Managermagazin/Training aktuell.

Veröffentlicht unter: Allgemein, Interviews, Marketingstrategen, Medienmacher, Textakrobaten.
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Martina Lauterjung – Flipchart? Old school – aber richtig gut:

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